Die aktuelle Entwicklung bei den E-Bike-Motoren lässt sich schnell auf den Punkt bringen. Stärker, leichter, effizienter, lautet das Credo in der Branche. Wer welchen Antrieb wofür fertigt, verrät der große IMTEST-Überblick über alle relevanten Anbieter von Bosch bis Yamaha und die verschiedenen Antriebssysteme.

E-Bike, (S-)Pedelec, Elektrofahrrad?

Vorab eine Einordnung: Unter dem unscharfen Begriff E-Bike tummelt sich mittlerweile ein ganzer Zoo elektrisch angetriebener Zweiräder vom helmpflichtbefreiten 20-km/h-Leichtmofa über 45-km/h-Kleinkrafträder bis hin zum ausgewachsenen Elektro-Motorrad, das in drei Sekunden von null auf 100 km/h beschleunigt. Am weitaus populärsten sind hierzulande jedoch die sogenannten Pedelecs (Pedal Electric Bicycle). Diese verfügen über Pedalen und unterstützen den Fahrer beim Treten bis 25 km/h per Elektromotor. Sie sind per Gesetz auf eine Leistung von 250 Watt beschränkt und den Fahrrädern gleichgestellt. Das bedeutet sie müssen daher nicht haftpflichtversichert werden und unterliegen nicht der Helmpflicht. Wenngleich man natürlich grundsätzlich einen geeigneten Kopfschutz tragen sollte.

Vorgeschrieben ist das Tragen eines Helms allerdings bei ihren schnellen Brüdern, den S(peed)-Pedelecs, deren stärkere E-Bike-Motoren (meist 500 Watt) bis zu einem Tempo von 45 km/h anschieben. Für sie muss eine Haftpflichtversicherung (Versicherungskennzeichen) bestehen. Ferner sind Radwege und der Wald für S-Pedelecs tabu. Genug Nachteile offenbar, derentwegen sich nur 5 Prozent der deutschen Käufer für eine 45-km/h-Version und 95 Prozent für ein 25-km/h-Modell entscheiden.

Der Ratgeber beschränkt sich daher auf die marktbeherrschenden E-Bikes mit Pedalen, die (S-)Pedelecs, die mit recht unterschiedlichen Antriebskonzepten angeboten werden.



Der Nabenmotor

Die ersten E-Bikes entstanden durch die Integration eines Elektromotors in die vordere oder hintere Radnabe. Die Vorteile dieser Lösung (mit der sich viele Fahrräder nachrüsten lassen) ist eine vergleichsweise einfache Bauweise. Und es gibt keinen erhöhten Verschleiß des Kettentriebs, da die Motorkraft genau dort erzeugt wird, wo sie benötigt wird: am Rad.

E-Bike-Motor in Hinterradnabe eingebaut
Einfacher Aufbau, aber häufig ein bisschen schwächer auf der Brust: der Nabenmotor © GettyImages

Sofern er keinen Freilauf hat, ermöglicht der Nabenmotor zudem grundsätzlich ein Rekuperieren. Also das Zurückspeisen von Bewegungsenergie bei Bergabfahrt oder Bremsen, was die Reichweite verlängert.

Nachteile haben E-Bike-Motoren in der Nabe freilich auch: Sie erhöhen die ungefederte Masse des jeweiligen Laufrads erheblich, was den Fahrkomfort verschlechtert. Nabenmotoren ohne Untersetzungsgetriebe sind zudem aus dem Stand und an sehr steilen Anstiegen nicht ganz so kräftig.

Vereinzelt gibt es auch heute noch Pedelecs mit Nabenmotor im Vorderrad, wie etwa bei der niederländischen Kultmarke VanMoof. Da das Hinterrad ganz klassisch über die Pedale angetrieben wird, verfügen diese Modelle sozusagen über einen hybriden Allradantrieb. Die Traktion des Vorderrads, insbesondere am Berg und bei Nässe, ist bei einem Zweirad physikalisch jedoch beschränkt.

Überlegene Traktion auch in schwerem Gelände bieten allradgetriebene E-Mountainbikes mit zwei Elektromotoren. Diese exotische Spielart ist für jene, die das Besondere wollen. Die Nachteile indes liegen auf der Hand: hohes Gewicht, hoher Preis, hoher Energieverbrauch und damit einhergehend eine vergleichsweise geringe elektrische Reichweite.

Mittelmotor von Yamaha bei einem E-Bike
Bestseller: Mittelmotoren haben sich bei den meisten E-Bikes durchgesetzt, bestechen durch ordentlich Drehmoment und eine hohe Kraftspreizung © Yamaha

Der Mittelmotor

Gegenüber dem Radnabenmotor klar durchgesetzt hat sich in den letzten Jahren der Mittelmotor. Dieser sitzt am Tretlager und überträgt seine Kraft über die Kette (oder besser: per wartungsfreiem Zahnriemen) ans Hinterrad. Das hat auf den ersten Blick ein paar Nachteile. Wegen der höheren Belastung muss der Kettentrieb kräftiger dimensioniert werden oder eben ein Zahnriementrieb mit Nabenschaltung zum Einsatz kommen. Zudem ist die Motor-Getriebe-Einheit relativ schwer, technisch aufwändig und damit teuer.

Aber das Mittelmotorkonzept bietet eben auch handfeste Vorteile. Etwa über die ausgewogene Gewichtsverteilung und dass die Laufräder leicht gehalten werden können, also geringe ungefederte Massen aufweisen. Und: Durch das integrierte Untersetzungsgetriebe kann die gesetzlich limitierte Leistung bei E-Bike-Motoren von 250 Watt optimal ausgenutzt werden – Stichwort: Drehmoment. Je größer das Untersetzungsverhältnis, desto mehr Kraft liegt am Tretlager an.



Kraftvoller Antrieb: Bis zu 100 Newtonmeter

Die neueste Generation der Mittelmotoren drückt bis deutlich über 100 Nm auf die Kette. Was für jede Menge Schmackes also beim Anfahren und an steilen Anstiegen sorgt. Und über die Gänge der Kettenschaltung kann die Kraft weit gespreizt werden. Freilich nur bis zu einem Tempo von 25 km/h, dann schaltet die elektrische Unterstützung ab und der Tretwiderstand nimmt deutlich zu. Das fühlt sich subjektiv an, als würde man aktiv eingebremst, tatsächlich sind es aber nur die normalen Fahrwiderstände. Geschwindigkeiten von mehr als 25 km/h muss man sich also wie jeder normale Radfahrer “erarbeiten”.

Das Maß der elektrischen Unterstützung lässt sich in der Regel in drei bis fünf Stufen von sanft bis kräftig einstellen – je nachdem, ob man etwas mehr für die persönliche Fitness (und die elektrische Reichweite) tun möchte, oder möglichst bequem im Boost-Modus einen steilen Anstieg erklimmen möchte. Mehr als ein leises Surren ist vom E-Antrieb dabei übrigens nicht zu hören. Auch sonst ist ein E-Bike-Motor anspruchslos: Die heutigen bürstenlosen (“brushless”) Elektromotoren sind samt ihrem Untersetzungsgetriebe in einem wasserdichten Gehäuse untergebracht und wartungsfrei. Um so mehr Aufmerksamkeit kann man der Kraftübertragung widmen: Die Kette freut sich immer über eine Reinigung und anschließende Schmierung mit Kettenfett.

Frau beim E-Mountainbike fahren
Der deutsche E-Motoren-Hersteller Brose setzt ausschließlich auf Mittelmotoren. Durch die zentrale Platzierung zwischen Vorder- und Hinterrad sorgen sie für Stabilität und Sicherheit. © Brose

Hard- und Software des E-Antriebs

Große Bedeutung kommt der Software zu, die für ein möglichst feines, ruckfreies Ansprechen des E-Motors sowie ein harmonischen Krafteinsatz sorgt. Grundsätzlich arbeitet ein E-Bike-Antrieb nach dem folgenden Prinzip: Durch Treten der Pedale wird ein Kraftsensor (oder ein Schwellwertsensor, der die Drehbewegung misst) aktiviert, der den E-Motor einschaltet. Zudem ermittelt ein Geschwindigkeitssensor das gefahrene Tempo. Aus diesen Informationen berechnet die Software das Maß der elektrischen Unterstützung und wann diese wieder abgeschaltet wird.

Drehmomentkönige: Die kräftigsten Pedelec-Antriebe

Im Kurzportrait stellen wir einige populäre Mittelmotoren aktueller Generation vor. Diese werden von diversen E-Bike-Herstellern wie Cube, Haibike, KTM, Husqvarna oder Rotwild eingesetzt. Und stecken sowohl in deren Mountain- und Cargobikes, City- und Trekkingräder. Je nach Verwendungszweck werden diese E-Motoren mit einer unterschiedlichen Peripherie – sprich: Software, Akku, Display – kombiniert.

Die wichtigsten Mittelmotoren im Überblick:

  • Der Kraftmeier unter den Mittelmotoren ist derzeit der TQ HPR 120S: Satte 120 Nm Maximaldrehmoment wirft der in Deutschland hergestellte E-Bike-Antrieb ab. Damit ist der 3,9 Kilo schwere 48-Volt-Mittelmotor insbesondere unter ambitionierten Mountainbikern und Lastenradfahrern heiß begehrt. Wenngleich er sich grundsätzlich für jedes Bike eignet. Den TQ HPR 120S gibt es als 250-Watt-Pedelec-Version sowie mit 500 Watt Leistung für S-Pedelecs.
Draufsicht (Explosionszeichnung) eines E-Bike-Mittelmotors der TQ-Group
Der aktuelle stärkste Mittelmotor: Der TQ HPR 120S bringt satte 120 Newtonmeter auf die Straße © TQ-Group
  • Ein echtes Mittelmotor-Kraftpaket kommt auch von Sachs: Für bis zu 180 Sekunden kann der Sachs RS E-Motor mit maximal 112 Nm nach vorn drücken. Damit eignet sich dieser 48-Volt-Antrieb ganz besonders für anspruchsvoll bewegte Mountainbikes sowie schwere Cargobikes. Der Sachs RS-Mittelmotor wiegt 3,5 kg, bietet vier Unterstützungsstufen und ist in einer 25-km/h- sowie einer 45-km/h-Version erhältlich.
  • Kaum schwächer: Der AEG SportDrive pumpt mit 48 Volt und fünf Unterstützungsstufen bis zu 100 Nm auf die Kette. Für 45 km/h schnelle S-Pedelecs hat AEG den E-Motor SpeedDrive im Angebot, der 500 Watt leistet und ebenfalls 100 Nm Drehmoment abwirft.
  • Auch Brose beteiligt sich am Wettpumpen der E-Bike-Motoren. Immerhin 90 Nm bringen die E-Motoren Drive S (25 km/h) und Drive TF (45 km/h) auf die Welle. Im Aluminiumgehäuse kommen beide Motoren auf 3,4 Kilo; alternativ bietet Brose die E-Antriebe auch in Magnesium, was das Gewicht auf 2,9 Kilogramm senkt.
  • Yamaha lässt sich ebenfalls nicht lumpen und fährt mit dem PW-X3 immerhin 85 Nm auf. Der Clou bei diesem E-Antrieb ist jedoch sein geringes Gewicht von nur 2,75 Kilo. Der 36-Volt-Motor bietet fünf Unterstützungsmodi, darunter ein Automatikmodus, der abhängig von der Fahrsituation selbstständig zwischen den verschiedenen Modi wechselt.
  • 85 Nm Drehmoment bei 250 Watt Maximalleistung und 25 km/h Spitze bieten auch die Performance Line CX sowie die Cargo Line von Bosch, die sich vorrangig an Mountainbiker beziehungsweise Lastenradlenker richten. Vier Unterstützungsmodi stehen zur Verfügung. Bosch bietet passende Akkus mit einer Kapazität von 300 bis 1250 Wh (Wattstunden), was Reichweiten von 38 bis 164 Kilometern ermöglicht (Performance Line CX).
  • Fahrradzubehör-Riese Shimano mischt im E-Antrieb-Segment natürlich auch mit: 85 Nm schultert der Steps EP 8, wiegt dabei nur 2,6 Kilo. Auf Moun­­­­tainbikes ausgelegt, sorgt er für eine großzügige Bodenfreiheit. In drei wählbaren Fahrmodi unterstützt der Steps EP 8 bis auf 25 km/h.­­


Der richtige E-Motor im richtigen Bike

Drehmomentstarke E-Antriebe bieten beispielsweise auch die Marken Panasonic, Continental, Impulse, Giant, Specialized oder Rocky Mountain, die oft günstiger sind als Edelmarken wie Bosch oder Brose. Denn letzten Endes zählt nicht nur der Motor, sondern das Gesamtpaket. Ein Top-Antrieb in einem veralteten Bike macht ebenso wenig Freude wie ein schwacher E-Motor in einem High-End-Carbon-Mountainbike. Denn dessen Fahrwerk und Bremsen würden auch locker 10 kW Leistung und 100 km/h wegstecken.

Wer eine Neuanschaffung plant, muss sich angesichts der ständigen Flut an Neuheiten regelmäßig über Internet und Vergleichstests etwa in der IMTEST auf dem Laufenden halten. Denn klar ist: Auch für die weitere Entwicklung der E-Bike-Antriebe gilt das Motto “Höher, schneller, weiter”.